
Es gibt Bücher, die begleiten uns ein Leben lang – manchmal so intensiv, dass sie uns buchstäblich unter den Händen zerfallen. Genau das ist mir mit einem über 100 Jahre alten, vergilbten Büchlein in Frakturschrift passiert. Es war am Ende so zerfleddert, dass ein neues (altes) Exemplar hermusste. Gefunden habe ich eine wunderbare gebrauchte Ausgabe aus den 1980er Jahren. Und was soll ich sagen? Ich habe mich am vergangenen Wochenende sofort wieder festgelesen.
Von welchem Buch hier die Rede ist?
Von einem echten Klassiker: „Träumereien an französischen Kaminen“ von Richard von Volkmann-Leander.
Hinter diesem Buch steckt eine faszinierende Geschichte: Der Autor war im echten Leben gar kein hauptberuflicher Dichter, sondern ein renommierter Hallenser Chirurg. Während der Belagerung von Paris im Winter 1870/71 saß er fernab der Heimat an den Kaminen verlassener französischer Häuser. Um die Sehnsucht nach seiner Familie zu betäuben, ersann er 22 Kunstmärchen und schickte sie Stück für Stück per Feldpost nach Hause zu seiner Frau und den Kindern. Als er aus dem Krieg heimkehrte, war daraus eine der schönsten Märchensammlungen der deutschen Literaturgeschichte gewachsen.
Seine Geschichten atmen puren Trost. Ein wunderbares Zitat aus dem Märchen „Vom unsichtbaren Königreiche“ bringt diese Sehnsucht perfekt auf den Punkt:
„Es gibt eben doch ein unsichtbares Königreich, und wer recht daran glaubt, der kommt auch hinein.“
Beim erneuten Lesen ist mir richtig das Herz aufgegangen. Egal ob das liebevoll gezeichnete „Goldtöchterchen“ „Die Prinzessin, die keine Pfeffernüsse backen konnte“ oder „Der verrostete Ritter“, der wegen seiner eigenen Hartherzigkeit rostet und erst durch wahre Reue und Liebe vom Rost befreit wird – diese Geschichten haben eine ganz eigene, leise Poesie, voller Wärme, Witz und zeitloser Weisheit.
Sie haben in mir sofort wieder diese wohlige Kindheitserinnerung geweckt – das Gefühl, mit einer Decke eingekuschelt zu sein, während draußen der Wind pfeift. Manchmal tut es einfach gut, den Alltagsstress hinter sich zu lassen und in diese alten Welten einzutauchen.
Habt ihr auch so ein Buch, das ihr nach Jahren wiederentdeckt habt? Und kennt ihr die Geschichten von Volkmann-Leander? Erzählt es mir unbedingt auf meinen Social-Media-Kanälen oder per E-Mail – ich freue mich riesig auf eure eigenen Bucherinnerungen!