Hallo ihr Lieben,
jeden Donnerstag schauen wir uns nun schon seit einigen Wochen in meiner Rubrik „Sagt man so!“ Redensarten an, die wir alle nutzen, deren Herkunft aber oft im Dunkeln liegt.
Heute widme ich mich einem Begriff, der unter Buchliebhabern entweder für praktische Erleichterung oder für blankes Entsetzen sorgt: das Eselsohr im Buch.
Was bedeutet es?
Wer ein „Eselsohr“ macht, knickt die Ecke einer Buchseite um. Meistens dient es als improvisiertes Lesezeichen, um die Stelle beim nächsten Lesen schnell wiederzufinden.
Woher kommt die Redensart?
Die Redewendung ist überraschend alt und lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Als der Buchdruck das Buch im Barockzeitalter langsam für die breitere Bevölkerung zugänglich machte, tauchten auch schon die ersten Knicke auf.
Es liegt auf der Hand: Eine umgeknickte Seitenecke klappt nach unten und erinnert optisch an die langen, nach hinten oder zur Seite herabhängenden Ohren eines Esels. Schon der Barock-Prediger Abraham a Sancta Clara schrieb damals: „Es ist selten ein Buch ohne Eselsohr“.
Sogar im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm aus dem 19. Jahrhundert ist der Begriff offiziell als „Merkzeichen im gelesenen Buch“ eingetragen.
Ein kleiner Blick über den Tellerrand
Spannend ist, dass andere Sprachen ganz andere Tiere im Kopf haben. Wenn du im englischsprachigen Raum eine Seite umknickst, machst du kein Eselsohr, sondern ein „dog-ear“ – also ein Hundeohr! Im Französischen hingegen verlässt man das Tierreich völlig und spricht schlicht von einem Horn (corne).
Ob es nun praktisch oder eine Sünde ist? Darüber scheiden sich die Geister.
Für die einen ist ein Knick im Papier eine absolute Sünde, Sachbeschädigung oder zumindest mangelnder Respekt vor dem Buch.
Für die anderen erwecken Knicke, Notizen und Kaffeeflecken ein Buch erst zum Leben und noch leicht sichtbare Eselsohren zeigen ihnen, dass eine Geschichte intensiv durchlebt wurde.
Ich selbst habe viele, viele Lesezeichen gesammelt, um Eselsohren zu vermeiden. Dafür mache ich aber nicht davor Halt, mit Bleistift wichtige Passagen zu kennzeichnen, um sie später leichter wiederzufinden.
Bis zum nächsten „Sagt man so!“ in der nächsten Woche!
Eure Franziska

