Kennt ihr das, wenn eine vage Erinnerung aus der Kindheit oder Jugend wie ein leises, wohliges Summen im Hinterkopf bleibt?
Ich weiß noch genau, wie ich damals am Fenster meines Zimmers stand, zum Nachthimmel hinaufblickte und dem Mond meine Geheimnisse anvertraute. Es war eine eher stille Zwiesprache, die mir in einsamen Momenten Trost geschenkt hat. Erst viel später erinnerte ich mich wieder daran, wie tief dieses Ritual in einer ganz bestimmten literarischen Entdeckung verwurzelt waren.
Nach jahrelangem Suchen habe ich dieses lang vermisste Schmuckstück endlich wieder online gebraucht ergattern können.
Für mich ist es ein absolutes Kleinod, das nun einen Ehrenplatz bei mir hat: „Bilderbuch ohne Bilder“ von Hans Christian Andersen.
Worum geht es in diesem literarischen Schatz?
Der Titel klingt im ersten Moment paradox, doch genau darin liegt die pure Poesie. Das schmale kleine Buch enthält keine gedruckten Illustrationen – die Bilder entstehen einzig und allein durch die Kraft der Sprache im Kopf des Lesers.
Andersen erzählt in 33 kurzen Prosa-Miniaturen von einem armen, jungen Maler, der einsam in einer engen Dachkammer in der Fremde lebt. Jeden Abend bekommt er jedoch Besuch von einem alten, treuen Freund: dem Mond.
Der Mond zieht über die Welt, blickt in die entlegensten Winkel der Erde und erzählt dem Maler Nacht für Nacht, was er auf seiner Reise gesehen hat. Aus diesen skizzierten Erzählungen soll der Maler Bilder gestalten. Es sind mal bittersüße, mal melancholische, aber auch zutiefst hoffnungsvolle Momentaufnahmen menschlichen Lebens – eine Reise, die uns von Indien über Grönland bis hin zu den prunkvollen, zerfallenden Gassen von Venedig führt.
Drei Zitate für euch daraus, die mein Herz besonders berührt haben
Schon der Einstieg holt jeden ab, der sich jemals einsam gefühlt und den Blick nach oben gerichtet hat:
„Eines Abends stand ich traurig am Fenster, ich öffnete es und sah hinaus. Ich sah ein bekanntes Gesicht, ein rundes, gütiges Antlitz, und ich wurde froh. Es war das meines besten Freundes aus der Heimat, es war der Mond. Der alte liebe Mond, unverändert…“
Wie tief und poetisch die Beobachtungen des Mondes sind, zeigt sich, wenn er von den einfachen, scheinbar unbedeutenden Momenten der Menschen berichtet:
„Male, was ich dir erzähle, so wirst du ein schönes Bilderbuch erhalten! Gestern Abend, sprach der Mond, glitt ich durch die klare Luft Indiens und spiegelte mich im Ganges…“
Und für alle, die das Träumerische und die Beständigkeit in der Literatur lieben, fasst Andersen den Zauber des Erzählens so zusammen:
„Es geht mit Geschichten, wie mit vielen Menschen, sie werden mit zunehmendem Alter schöner und schöner, und das ist erfreulich.“
Mein Fazit
Dieses Buch ist keine schwere, hochgeistig verkopfte Kost. Es ist emotionale, romantische Weltliteratur im besten Sinne. Es erinnert uns daran, innezuhalten, den Blick vom Alltagsstress wegzulenken und die Welt mit den staunenden Augen des Mondes zu betrachten. Für mich ist der Neuzugang im Regal wie das lang ersehnte Wiedersehen mit einem alten Jugendfreund.