Freundlichkeit kontra Regelkonformität?

Ein Hohelied auf die Freundlichkeit auch in unklaren Situationen

Mein Kurzbericht über einen freundlichen, großzügigen Bahnangestellten war ein grundsätzlich positiv gemeinter Threads-Post gewesen,.

Viele Tausende riefen ihn auf, einige Hundert likten ihn. Erfreulich, wer likt, denkt ähnlich. Davon gehe ich zumindest aus. Da waren aber leider auch Negativkommentare in ungewohnt großer Anzahl.

Worüber hatte ich berichtet?

Im von mir auf dem Weg zur Arbeit häufig genutzten Regionalexpress der Deutschen Bahn trug sich vor wenigen Tagen Folgendes zu:

Ein freundlicher, älterer Zugbegleiter fragt einen mit reichlich Gepäck beladenen Reisenden, der, wie sich herausstellte, nur wenig der deutschen Sprache mächtig war, nach dem Fahrschein. Hat er nicht. Passport? Ja, hat er.

Was soll der Zugbegleiter nun machen? Üblicherweise werden Reisende ohne Fahrschein mit einer empfindlichen Geldstrafe belegt, an der nächsten Station raus gesetzt und wenn es Schwierigkeiten gibt, zudem die Bahnpolizei benachrichtigt. Er bewahrt die Ruhe und fragt, wohin der junge Backpacker will. Eine Station nur noch dazwischen.

Der Bahnangestellte zuckt mit den Schultern, gibt den Reisepass zurück und geht weiter. Er lässt im wahrsten Sinn des Wortes also Gnade vor Recht ergehen.

Zu mir gewandt sagt er noch mit einem Lächeln „Ich hoffe, Sie sind damit einverstanden, dass ich kulant bin?“ Na klar bin ich das. Auch ich freue mich, wenn ich kulant behandelt werde. 

Mir fiel in diesem Zusammenhang sogar ein eigenes Erlebnis ein. Ich hatte, in Gedanken versunken, vor einigen Jahren vergessen, meinen Fahrschein in der Straßenbahn zu entwerten. Der Kontrolleur erledigte das nachträglich für mich, statt mir eine Strafe aufzubrummen. Auch das war Kulanz.

So weit. Ich hätte nie im Leben mit negativen Kommentaren gerechnet. Diese kamen aber.

Da waren erst einmal die Gesetzeshüter, die mich mit Paragrafen und ähnlichem darauf hinwiesen, dass Kulanz fehl am Platze oder sogar nicht erlaubt gewesen sei. Wo kämen wir denn da hin? Schließlich müsse jeder einen Fahrschein haben. Gut, eine grundsätzliche andere Sichtweise. Für sie kommt das Gesetz an erster Stelle und dann erst die Freundlichkeit.

Was mich aber wirklich erschrecken ließ, waren die fremdenfeindlichen Kommentare. Nur, weil ich erwähnt hatte, dass es sich um einen ausländischen Reisenden handelte.

Ja, ich muss zugeben, ich habe mich so aufgeregt, dass ich schlaflose Nächte danach hatte.

Als Antwort auf diese menschenverachtenden Kommentare konterte ich mit Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde jedes Menschen ist unantastbar. Das wurde von den “Hatern” dann ignoriert.

Und so singe ich auch hier noch einmal ein Hohelied auf den freundlichen Angestellten, der ruhig und gelassen seine Entscheidung fällte. Ganz nach des Dalai Lamas Worten: „Meine Religion ist einfach. Meine Religion ist Freundlichkeit“.

Inzwischen habe ich mich übrigens erkundigt. Diesen Ermessensspielraum besaß der Zugbegleiter rechtlich auch, wie jeder Beamte oder Angestellte im öffentlichen Dienst.