Vielleicht hast du als Kind ja auch wie ich schon mal heimlich Kirschen aus Nachbars Garten stibitzt. Oder du bist schwarzgefahren, weil der Fahrkartenautomat gestreikt hat. Dann könntest du sagen: „Ich habe da wohl etwas auf dem Kerbholz.“
Denn heute nutzen wir die Redewendung meistens für kleine, charmante Verfehlungen oder Gaunereien. Aber wisst ihr eigentlich, was so ein Kerbholz überhaupt ist?
Wir reisen jetzt zurück ins tiefste Mittelalter. An Smartphones, Excel-Tabellen und Kreditkarten war noch über Jahrhunderte nicht zu denken. Die meisten Menschen konnten nicht einmal lesen, schreiben oder rechnen. Trotzdem gab es auch damals schon das ewige Problem: Wer schuldet wem wie viel Geld?
Die Lösung für dieses Dilemma war, finde ich, erstaunlich einfach und hieß Kerbholz.
Das funktionierte so:
Man nahm einen länglichen Holzstab (bevorzugt aus weichem Holz). Wenn z.B. beim Bäcker Brot auf Anschlag gekauft wurde, schnitzte der Bäcker für jeden Laib Brot eine Kerbe in das Holz. Und dann - ihr glaubt es nicht - wurde das Holz einfach der Länge nach gespalten. Eine Hälfte bekam der Schuldner, die andere Hälfte behielt der Gläubiger (der Bäcker).
Wenn es am Monatsende ans Bezahlen ging, wurden beide Hälften nebeneinander gelegt. Die Kerben mussten exakt übereinander passen. So konnte niemand heimlich extra Striche dazu schummeln.
Wenn du also viel „auf diesem Kerbholz“ hattest, bedeutete das im Mittelalter nichts anderes als, dass du viele Schulden hattest.
Mit den Jahrzehnten, Jahrhunderten hat sich die Bedeutung der Redewendung jedoch gewandelt. Aus den finanziellen Schulden wurden moralische Schulden. Wer heute etwas auf dem Kerbholz hat, steht nicht mehr unbedingt beim Bäcker in der Kreide.
Das Spektrum reicht dabei in unserem heutigen Sprachgebrauch von der oben genannten süßen, kleinen Jugendsünde bis hin zu echten kriminellen Delikten. Wenn die Polizei im Krimi einen altbekannten Ganoven schnappt, hat der meistens auch einiges auf dem Kerbholz – sprich: eine lange Akte im Strafregister.
Ist es nicht faszinierend, wie eine uralte Methode zur Schuldenbekämpfung unsere Sprache bis heute prägt?
Bis zum nächsten „Sagt man so!“ am kommenden Donnerstag euch alles Gute!
Eure Franziska

