Wer an Daniel Kehlmann denkt, hat wahrscheinlich sofort sein bekanntestes Werk im Kopf: den weltweiten Bestseller Die Vermessung der Welt. Heute möchte ich euch jedoch ein anderes, unheimlich kluges und zu Unrecht nicht so bekanntes Buch von ihm ans Herz legen: Ruhm.
Ruhm ist kein klassischer Roman, sondern ein genial konstruierter Episodenroman in neun Geschichten. Das Besondere und absolut Eigenartige an diesem Buch ist die Art und Weise, wie die Charaktere und Handlungen miteinander ohne eine lineare Chronologie verwoben sind. Kehlmann seziert hier auf skurrile, bissige und hochgradig philosophische Weise die Tücken der modernen Kommunikation und das Phänomen des Identitätsverlusts im digitalen Zeitalter.
Um zu verstehen, wie dieses literarische Uhrwerk funktioniert, muss man sich die skurrilen Figuren ansehen. Da ist zum Beispiel Ebling, ein völlig durchschnittlicher Computertechniker. Er kauft sich ein Mobiltelefon und erhält plötzlich ständig Anrufe, die eigentlich für einen berühmten Schauspieler namens Ralf Tanner bestimmt sind. Anstatt das Missverständnis aufzuklären, schlüpft Ebling immer tiefer in Tanners Rolle und beginnt, über dessen Termine und Affären zu entscheiden. Der echte Ralf Tanner hingegen verliert dadurch schleichend seine Identität, wird nirgends mehr erkannt und rutscht in die völlige Bedeutungslosigkeit ab.
In einer anderen Episode lernen wir die krebskranke Rosalie kennen. Sie reist in die Schweiz, um Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Doch Rosalie ist sich mitten in der Geschichte schmerzhaft bewusst, dass sie nur eine Romanfigur ist. Sie beginnt, direkt mit ihrem Schöpfer – einem eitlen Schriftsteller namens Leo Richter – zu verhandeln und fleht ihn an, ihr Leben nicht so früh enden zu lassen. Richter wiederum taucht in einer weiteren Geschichte selbst als Protagonist auf, der panische Angst davor hat, dass seine Freundin Elisabeth herausfindet, dass er ihre gemeinsamen Reisen heimlich als Material für seine Bücher ausschlachtet.
Kehlmanns Figuren rutschen so durch vertauschte Nummern, virtuelle Welten oder schlicht durch die Launen ihres Autors in fremde Leben ab.
Es ist ein Buch über das Verschwinden und über das Spiel zwischen Schein und Sein in einer vernetzten Welt. Nicht leicht zu lesen, aber ein intellektuelles Vergnügen, das beim Lesen eine ganz eigene, fast schon schwindelerregende Dynamik entwickelt und noch lange nachwirkt. So ging es mir zumindest.
Da das Buch als kleine rororo Taschenbuchausgabe in wohltuend großer Schrift gerade einmal um die 200 Seiten stark ist, lohnt sich das Experiment allemal, sich einmal auf einen ganz anderen Kehlmann einzulassen.
Bis bald wieder!
Eure Franziska

