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Wir, die wir das Lesen lieben, schmücken uns gerne mit diesen Titeln: Leseratte oder Bücherwurm.

Aber habt ihr euch einmal überlegt, wie seltsam diese Tier-Metaphern eigentlich sind? Warum vergleicht man Lesebegeisterte ausgerechnet mit Nagetieren und lnsektenlarven?

Beginnen wir beim Bücherwurm. Er ist leider kein Fabelwesen, sondern eine reale, historische Bedrohung für das Wissen der Menschheit. Bevor es digitale Archive gab, bestanden Bibliotheken grundsätzlich aus Papier, Pergament, Leder und Leim. Für die Larven von verschiedenen Käferarten, wie u.a. dem Brotkäfer oder dem Gescheckten Nagekäfer, war eine jahrhundertealte Chronik kein literarisches Meisterwerk, sondern ein Festmahl. Sie fraßen sich buchstäblich durch die Seiten und hinterließen zerstörerische Tunnel.

Schon im 18. Jahrhundert begannen Gelehrte, das Wort jedoch auch ironisch zu verwenden. So wurden z.B. der Dichter Gotthold Ephraim Lessing oder der Philosoph Karl Marx scherzhaft als „Bücherwürmer“ bezeichnet, weil sie Tage und Nächte inmitten von staubigen Buchbergen verbrachten und sich quasi „durch die Literatur fraßen“.

Aus dem echten Schädling wurde so mit der Zeit ein liebevoller Spitzname für Gelehrte.

Die Leseratte ist im Vergleich dazu deutlich jünger und taucht erst im 19. Jahrhundert im deutschen Sprachraum auf. Ratten gelten als extrem gefräßig, neugierig und schwer aufzuhalten, wenn sie erst einmal eine Futterquelle entdeckt haben. Wer also unersättlich ein Buch nach dem anderen verschlang, wurde deshalb mit einer gierigen Ratte verglichen, die den Hals nicht vollbekommt.

Heute haben beide Begriffe ihren negativen Beigeschmack völlig verloren. Wenn wir uns also selbst als Leseratte oder Bücherwurm bezeichnen, feiern wir damit unsere unstillbare Neugier auf neue Welten. 

Und das Beste daran: Im Gegensatz zu unseren tierischen Namensvettern hinterlassen wir beim Verschlingen der Seiten keine Löcher, sondern nehmen die Geschichten in uns auf.

Bis zum nächsten “Sagt man so" am kommenden Donnerstag grüße ich euch ganz herzlich!

Eure Franziska