In meinem Bücherregal steht ein ganz besonderer Schatz:
Ein uraltes Exemplar von Otfried Preußlers Der Räuber Hotzenplotz. Es ist leider etwas zerfleddert, die Ecken sind bestoßen und die Seiten wurden im Laufe der Jahre mehrfach mit Tesafilm geklebt. Ein echtes Überlebenskunstwerk, das durch unzählige Kinderhände gegangen ist.
Beim erneuten Durchblättern kam mir neulich jedoch ein Gedanke: Kann diese Geschichte in unserer heutigen digitalen Welt überhaupt noch mit Smartphones, Tablets und animierten Serien konkurrieren? Funktioniert der Räuber heute noch im Kinderzimmer?
Um das zu beantworten, schaue ich mir die scheinbar simple, aber doch gut konstruierte Handlung noch einmal an.
Alles beginnt damit, dass der Räuber Hotzenplotz der Großmutter ihre geliebte, neue Kaffeemühle stiehlt, die beim Kurbeln ihr Lieblingslied spielt. Ein unhaltbarer Zustand! Kasperl und Seppel beschließen, den Räuber auf eigene Faust zu fangen. Sie basteln eine Kiste mit der Aufschrift „Vorsicht Gold!“ – gefüllt mit mühsam gesiebtem Sand –, um Hotzenplotz eine Falle zu stellen.
Doch der Räuber durchschaut den Trick, nimmt die beiden Jungen gefangen und verkauft den armen Kasperl (den er fälschlicherweise für Seppel hält, weil die beiden die Mützen getauscht haben) an den bösen, großen Zauberer Petrosilius Zwackelmann. Während Seppel in der Räuberhöhle schuften muss, muss Kasperl auf dem Zauberschloss tonnenweise Kartoffeln schälen – denn Zaubern kann Zwackelmann zwar alles, nur eben keine Kartoffeln schälen. Erst als Kasperl im Schlosskeller auf die gefangene, in eine Unke verwandelte Fee Amaryllis stößt, wendet sich das Blatt.
Und genau hier liegt für mich das Geheimnis, warum das Buch auch heute noch angesagt sein kann. Trotz vielfältiger moderner Ablenkungen fesselt die Jagd nach der Kaffeemühle von der ersten Seite an. Preußlers zeitloser Humor, das herrliche Missgeschick mit den vertauschten Mützen und die wunderbar überzeichneten Figuren haben nach wie vor Magie. Kinder lieben das Gefühl, dass Mut und Cleverness am Ende über rohe Gewalt und Zauberei siegen. Manchmal braucht es eben kein High-Tech, sondern einfach nur eine verdammt gut erzählte Geschichte.
Deshalb: Ein absolutes Must-read – damals wie heute.
Eure Franziska


