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GESCHICHTEN VON FRANZISKA ROCH

"Der kleine Häwelmann"

Warum begeistert Theodor Storms Erzählung auch noch nach über 150 Jahren?

Es gibt Autoren, deren Worte eine ganz besondere Magie besitzen. Für mich ist das Theodor Storm. Wenn ich seine Zeilen lese, spüre ich förmlich die melancholische Weite des Meeres, den rauen Küstenwind und die tiefe Gemütlichkeit alter Stuben. Storm verstand es wie kaum ein anderer, die Zerrissenheit des menschlichen Herzens und die Schönheit der Natur in Poesie zu gießen.

Neben seinen großen Novellen hat Storm ein kleines Meisterwerk geschaffen, das bis heute einen festen Platz in meinem Herzen – und in den weltweiten Kinderzimmern – hat: das Kunstmärchen „Der kleine Häwelmann. 

Storm schrieb das Märchen im Jahr 1849 für seinen ältesten Sohn Hans. Der kleine Häwelmann kann nachts einfach nicht einschlafen. Er will mehr, immer mehr! Also baut er sich aus seinem Nachthemd ein Segel, rollt in seinem kleinen Bettchen mitten durch die Nacht, fährt an der Zimmerdecke entlang, reist auf einem Mondstrahl hinaus in die Welt und fliegt schließlich frech bis in den Himmel hinauf, wo er sogar dem Mond auf der Nase herumtanzt.

Warum ist der kleine Häwelmann immer noch so beliebt?

Wer das Buch heute aufschlägt, merkt schnell, dass diese Geschichte nichts von ihrer Anziehungskraft verloren hat. Warum?

  • Jedes Kind (und insgeheim auch jeder Erwachsene) kennt das Gefühl, die Grenzen der eigenen kleinen Welt sprengen zu wollen. Das berühmte „Mehr, mehr!“, das Häwelmann dem Mond entgegenschreit, ist der Inbegriff kindlicher Neugier und des Drangs nach Freiheit..

  • In einer poetischen, bildgewaltigen Sprache verwebt 
    Storm die kindliche Realität spielerisch mit phantastischen Elementen, wie der Junge z.B. an schlafenden Katzen vorbeigreift, durch den dunklen Wald saust und die Sterne beiseiteschiebt. Es ist eine Geschichte, die dadurch perfekt zum Vorlesen einlädt.

  • Häwelmanns Übermut wird am Ende gebremst, als die Sonne aufgeht und ihn kurzerhand in die kalte Nordsee wirft. Doch Storm lässt sein junges Publikum nicht mit einem Schrecken zurück. Im letzten Satz verspricht der Erzähler, dass er und die Zuhörer den kleinen Jungen schon rechtzeitig herausfischen werden. Es ist die perfekte Balance aus Konsequenz und absoluter Geborgenheit.

Meine Vorliebe für Theodor Storm speist sich genau aus dieser Vielseitigkeit. Er beherrscht die melancholische Klaviatur für Erwachsene ebenso perfekt wie die seelenvolle Psychologie eines Kinderherzens. Der kleine Häwelmann erinnert daran, dass wir uns den Mut, nach den Sternen zu greifen, niemals nehmen lassen sollten – egal wie alt wir sind.

Verlegt wurde (und wird immer noch) “Der kleine Häwelmann” häufig mit wunderschönen Illustrationen.

Geschrieben von Franziska Roch.

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