Besuch bei meiner alten Freundin Rosi

Wie viel gemeinsame Zeit braucht eine Freundschaft?

An diesem Wochenende werde ich es nach fast zwei Jahren schaffen, wieder einmal bei meiner Freundin Rosi in Thüringen vorbeizuschauen. Für eine Stunde oder zwei. Mehr würde sie nicht durchhalten. Ohne Atemgerät geht inzwischen gar nichts mehr.

Rosi war nie recht gesund, ihren Mann und einen Sohn hat sie in den letzten Jahren verloren, einen Schlaganfall gehabt und dass sie eine schwere Corona-Erkrankung 2022 überlebte, grenzt an ein Wunder. 

Rosi und ich haben uns vor ungefähr vierzig Jahren während eines langen Krankenhausaufenthaltes kennengelernt. Wir teilten uns ein Zimmer. Gesundheitlich mitgenommen waren wir beide, sie noch etwas mehr und das ist wohl auch in den vierzig Jahren danach so geblieben. 

Rosi ist jedoch ein Phänomen. Kein Stehaufmännchen, aber eine Stehauffrau. Immer fröhlich, voller spannender Geschichten, mit denen sie jeden, der in deren Genuss kommt, in den Bann zieht.

Was haben wir zusammen gelacht in diesen gemeinsamen Wochen im Krankenhaus. Ja, wir haben sogar Blödsinn miteinander angestellt. So bin ich z.B. heimlich aus dem Fenster geklettert und habe uns Leckereien besorgt, die wir abends verzehrten. Weihnachtslieder schmetterten wir zusammen am offenen Fenster.

Und uns am Ende geschworen, einander nie aus den Augen zu verlieren. So ganz hat das dann doch nicht funktioniert. Es wurden seltene Zusammentreffen in den Jahrzehnten danach. Hätte Rosi nicht sogar einmal eine Suchaktion nach mir gestartet, wären unsere Begegnungen ganz zum Erliegen gekommen. Rund fünfhundert Kilometer Entfernung seit vielen Jahren haben es nicht leichter gemacht. Rosi selbst kann schon lange nicht mehr reisen.

Ich habe einmal gelesen, dass zweihundert gemeinsame Stunden ausreichen, um einer Freundschaft Bestand und Tiefe zu geben. Diese zweihundert Stunden hatten wir damals, im Jahr 1984, während unseres Krankenhausaufenthaltes.

Heute sage ich einfach einmal „Danke Rosi für eine wunderbare Freundschaft, die trotz weniger gemeinsamer Stunden bis heute hält.“