Einen wunderschönen und gemütlichen Sonntagmorgen wünsche ich euch wieder und ein herzliches Willkommen an meine neuen Abonnenten!
Nehmt ihr eigentlich gerne Komplimente an? Wenn jemand zu euch sagt: „Mensch, dein Kleid sieht toll aus!“, antwortet ihr dann mit einem freundlichen „Danke“ oder rutscht euch auch sofort ein „Ach, das war ganz billig, das ist schon total alt“ heraus?
Mir passiert das ständig. Letztens erst wieder in meinem Italienischkurs an der Volkshochschule. Wenn mir dort etwas gut gelingt und die anderen MitschülerInnen mich dafür loben, blockt mein System sofort ab. „Ach, das stimmt doch gar nicht“, murmle ich dann ertappt. Ein anerzogenes Muster, das tief sitzt.
Diese Prägung begleitete mich schon 1990, als ich das erste Mal meine Tante in Baden-Württemberg besuchte. Es war mein erster Ausflug in den „Westen“ sowohl meine Tante wie auch alle anderen nahen und fernen dort ansässigen Verwandten wollten mir soviel Gutes wie möglich tun. Doch bei jeder Frage, ob ich dieses oder jenes möchte, reagierte ich mit einem pflichtbewussten: „Ach, das muss doch nicht sein.“ Meine Tante regte sich fürchterlich darüber auf. Für sie war es kein Zeichen von gutem Benehmen, sondern eine Blockade. Sie wollte mir eine Freude machen, und ich verweigerte die Annahme
„Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.“ Wir alle kennen diesen Spruch. Aber stimmt er heute noch? Wann ist Bescheidenheit eine echte Tugend – und wann ist sie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, das uns unsichtbar macht?
Ich meine heute: Bescheidenheit ist immer dann angebracht, wenn sie aus echter innerer Ruhe und Empathie entsteht. Sie schützt uns davor, zu Aufschneidern zu werden. Niemand mag Menschen, die ungefragt ständig ihre Erfolge auflisten. Wahre Größe muss sich nicht lautstark beweisen. Die Grenze zum Aufschneider verläuft genau dort, wo das Reden über den eigenen Erfolg nur noch der Selbstinszenierung dient und keinen Raum mehr für andere lässt.
Doch das Gegenteil von Aufschneiderei ist eben nicht Selbstverleugnung. Das chronische Abschwächen von Lob – ein Phänomen, das besonders uns Frauen von klein auf antrainiert wurde – ist nicht „gut“, sondern falsch. Es ist eine unbewusste Abwertung unserer eigenen Person. Schlimmer noch: Wenn wir ein Lob abstreiten, korrigieren wir damit das Urteil des Schenkenden. Wir sagen ihm indirekt, dass er etwas Falsches behauptet.
Es ist Zeit, dieses Muster abzulegen. Ein Talent zu haben, im Italienischkurs gut zu sein, eine schöne Frisur zu tragen oder ein Projekt erfolgreich abzuschließen, ist keine Sünde. Es ist eine Tatsache.
Die moderne Bescheidenheit sollte nicht bedeuten, sich kleiner zu machen, als man ist. Sie sollte bedeuten, mit sich selbst im Reinen zu sein – und ein ehrliches Lob einfach mal wie ein Geschenk anzunehmen. Ohne Rechtfertigung. Ohne Abschwächung.
Lasst uns beim nächsten Kompliment tief durchatmen, den Kaffeeduft genießen, lächeln und ein einziges, kraftvolles Wort sagen: Danke.
Ich wünsche euch einen wunderbaren Sonntag voller Sonnengrüße, auch wenn es bei euch regnen sollte!
Eure Franziska

